Freitag, 31. März 2006
Mal ein etwas anderer Bauernhof
von Tina Reinhardt
Hà Đông – eigentlich eine eigenständige Stadt im Süden Hanois, andererseits eine Erweiterung der vietnamesischen Hauptstadt entlang einer riesigen Straße. Diese Woche ist frühes Aufstehen an der Tagesordnung, denn unser Busticket gilt noch bis heute. Also jeden Morgen das Hotel spätestens gegen 6 Uhr verlassen, eine kleine, eng verschlungene Nebenstraße entlang laufen, an der Residenz des pakistanischen Botschaftspersonals vorbei, auf eine der größten Straßen Hanois, die Kim Mã, vorbei am Daewoo Hotel, wo schon der ehemalige US-Präsident Bill Clinton residierte. Endlich ist die Bushaltestelle in Sicht, gut dass wir so früh da sind, denn am Morgen kommt es in Hanoi wirklich darauf an, so schnell wie möglich einen Bus zu bekommen. Das öffentliche Nahverkehrsnetz ist ziemlich schlecht entwickelt, die einzelnen Busstationen haben keine Namen, man sollte deswegen immer ungefähr wissen, in welcher Straße man aussteigen will, denn die Buspläne verraten den exakten Standpunkt einer Haltestelle auch nicht… Die Busse fahren von 5 Uhr morgens bis 21 Uhr abends im äußerst exakten Rhythmus von 10, 15 oder 20 Minuten und je nachdem, ob man einen der ersten Busse erwischt oder den 20 Minuten später erwischt, kann die Dichte der Fahrgäste pro Quadratzentimeter bedeutend variieren. Noch lustiger wird das Ganze, wenn der Bus auf unerklärliche Weise den Air-Conditioning-Dienst verweigert und die Sauerstoffknappheit sich in flauschiger Wärme zu einer Körperdunstorgie ausartet… Aber genug des bunten Euphemismus. Eine Fahrt von Kim Mã bis zur zentralen Busstation von Hà Đông dauert 40 Minuten, dann steigen wir in einen lokalen Bus um, der uns noch 2 Stationen weiter bringt, ein kleiner Spaziergang über eine Brücke, vorbei an sehr interessierten Bauarbeiterkolonnen, einem Bún Chả - und Cơm-Stand, auf der rechten Seite ein Stadion, und da sind wir schon: Ein gelb getünchtes Gebäude im uniformen Stil der „Verwaltungseinheiten“ mit großem Glückwunschbanner zum 75. Geburtstag des kommunistischen Jugendverbandes taucht vor uns auf. Die Provinzebene des Verbandes hat hier ihren Sitz. Der für uns verantwortliche Mitarbeiter (wieder ein) Herr Bình wartet schon auf seinem Motorbike und drückt uns grinsend ein paar echt fesche Helme in die Hand, denn wir werden einige Zeit auf der „Autobahn“ unterwegs sein, wo Polizisten wesentlich strenger mit der Helmpflicht sind, als in Hanoi, wo diese faktisch nicht existiert. Leider bekommen wir während der Fahrt dorthin allerdings keinen einzigen Uniformierten zu sehen. Der besagte Bauernhof, den wir besuchen, wird von freiwilligen Jugendlichen in Schuss gehalten, die vor allem in der Erntesaison hier wohl rumschwärmen, wie die Fliegen. Schon allein der Weg dorthin ist ein einziges Abenteuer, denn irgendwann verlässt unsere kleine Rollerkarawane die guten alten Betonplatten und begibt sich auf einen holprigen Trip auf schmalen, zertretenen Lehmwegen auf dem Rücken kleiner Dämme zwischen unendlich scheinenden Reisfeldern. Warmer Wind fährt uns in die Kleider, frische Luft, kein Abgasgestank oder Straßenstaub kommt uns entgegen, dafür unendliche Stille, begleitet von vereinzeltem Grillenzirpen. Bananenstauden bilden kleine Haine und umringen winzige Tümpel oder ausfallende Seen. Die Sonne versteckt sich hinter den Wolken und erspart uns somit einiges. Nach 10 Minuten Tortur für die Stoßdämpfer unserer Vehikel halten wir an einem kleinen Bambushäuschen, dessen Stützpfeiler in einen kleinen Fluss ragen. Genauer gesagt steht dieses Haus zur Hälfte auf einem Damm, zur anderen im Fluss. Auf der anderen Seite des Walls wieder Wasser. Der Besitzer der Farm erklärt uns, dass hier Karpfen gezüchtet wird, aber ich kann in der schlammigen Brühe nichts erkennen, außer tausenden Wasserläufern, die über die Oberfläche schnellen. Wir wandern entlang des Dammkamms auf Schienen zu und beobachten einen Zug, der laut tönende seines Weges zieht. Die Schienen zerteilen das riesige Areal genau in der Mitte. Wir überqueren sie und stolpern zwischen Palmenblättern und Bananenstauden auf ein kleines Haus zu, vor dem uns mehrere Hunde knurrend, bellend, schnüffelnd oder völlig teilnahmslos da liegend begrüßen. Rings um uns ist Wasser, so weit das Auge blickt, durchkreuzt von einem Netz aus kleinen Dämmen, Stegen und Erdwällen, auf denen Bananenstauden und rote Beeren wachsen, die im Geschmack an unsere Himbeeren erinnern. Entenschwärme und ihre Nachkommenschaft durchpflügen das Wasser schnatternd. Wenn ich die Augen schließe und die vietnamesischen Stimmen um mich herum für einen Augenblick ignoriere, stehe ich in Gedanken zwischen den Feldern hinter meinem Heimatdorf, die Luft riecht dort genauso frisch, im Frühling ist der Wind mild und duftet nach jungem Gras, genau wie hier. Diese Stille um uns herum ist nach den vergangenen Wochen nächtlichen Ohropaxgebrauchs gegen den Lärm der Straßenbauarbeiten und des täglichen Hupkonzerts auf den Straßen vollkommen ungewohnt und fließt doch gleich wieder durch die Adern, als hätte ich nie etwas anderes spüren wollen.
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